Das Problem mit der Zweigeschlechtlichkeit in der Forschung


Ich habe in meinem ersten Blogbeitrag bereits aufgezeigt, dass es in der Sozialwissenschaft schon lange als Tatsache gilt, dass es keinen Grund zur Annahme gäbe, es bestünde eine naturhaft vorgeschriebene Zweigeschlechtlichkeit. Alle Unterscheidungen zwischen den Geschlechtern, die zum Beispiel auf Charaktereigenschaften oder Vorlieben basieren, sind gesellschaftliche und sozial erlernte Konstrukte. Diese werden nicht nur durch Kommunikation weiter verbreitet, sondern spiegeln sich unter anderen ebenfalls in der Gestaltung sowie der Nutzung von Objekten und Artefakten wieder. 

Obwohl die interdisziplinäre Gender-Forschung diesen Umstand schon vor langer Zeit aufgedeckt hat, wird ein Problem von einigen Forschenden kritisch diskutiert: Die Reproduktion von Zweigeschlechtlichkeit durch die Forschung selbst. Prof. Dr. Uta Brandes ist eine der ersten Wisschenschaftler*innen, die international auf dem Gebiet Gender Design forschte. Von 1995 bis 2015 war sie Professorin für Gender und Design sowie für Designforschung an der Köln International School of Design. Sie ist außerdem Mitgründerin des international Gender Design Network und Vorsitzende des Netzwerkes in Deutschland. Ihre Publikationen und empirischen Arbeiten sind einige der wenigen im entsprechenden Forschungsbereich und deswegen auch für meine Recherche von großer Bedeutung. 

Uta Brandes beschäftigt sich in ihrem Buch „Gender Design. Streifzüge zwischen Theorie und Empirie“ ebenfalls mit sogenannten „wicket problems“ in der Wissenschaft. Diese Probleme sind laut ihr diese, die sich nicht einfach mit dem Kategoriesystem richtig oder falsch lösen lassen, machen allerdings auf eine wichtige Erkenntnis als Nährboden für wissenschaftliches Arbeiten aufmerksam: Wissenschaft sollte nicht mit der Überzeugung betrieben werden, objektiv sein zu können. Diese Grundeinstellung aus dem Konstruktivismus resultiert aus der Überzeugung, Forschende selbst könnten nicht frei von äußeren Umständen und gesellschaftlicher bzw. persönlicher Beeinflussung sein – auch wenn diese nur unterbewusst stattfindet. Folglich ist davon auszugehen, dass Ergebnisse immer in einem gewissen Maß verfärbt sind. Laut Brandes seien theoretische und empirische Analysen deshalb im besten Fall Annäherungen oder begründete Annahmen, die versuchen Phänomene oder vermeintliche Wirklichkeiten zu erklären. Forschende können demnach selbst gesellschaftlich konstruierte Gender-Stereotype verinnerlicht haben und diese, wenn auch unterbewusst, Einfluss auf ihre Forschung nehmen lassen.

Dazu kommt ein weiteres Dilemma: Auch dann, wenn Forschende die in der Gesellschaft immer noch vorherrschende Zweigeschlechtlichkeit mit ihrer Forschung kritisch hinterfragen und aufzeigen möchten, müssen sie sich in den meisten Fällen selbst einem bi-polaren Kategoriesystem der Geschlechter bedienen. Wenn sie zum Beispiel der Gebrauch, bzw. das Gebrauchsverhalten von Objekten unter Genderaspekten untersucht werden soll, sind Wissenschaftler*innen gezwungen, zumindest in Geschlechtskonstruktionen der Partizipierenden zu unterscheiden. Die Forschung tut dies deswegen gezwungenermaßen, um Gender-Fragestellungen überhaupt erforschen zu können. Diskutiert und kritisiert wird allerdings von vielen Wissenschaftler*innen, Forschungen wie diese könnten Genderkonstruktionen und Stereotype weiter verfestigen. Laut Uta Brandes gäbe es für dieses Dilemma keine wirklich zufriedenstellende Lösung, sie hebt aber hervor, dass der große Unterschied zwischen einfachen ideologischen Behauptungen, es gäbe nur ein bi-polares Geschlechtersystem, darin bestünde, nicht zu untersuchen, was die Geschlechter sind, sondern, was sie tun. Hinzu kommt, dass Forschungen in diesem Bereich (fast) immer mit dem Bewusstsein betrieben werden, welches eingangs bereits erwähnt wurde. Nämlich, dass es sich bei Geschlechtern bzw. Gender um gesellschaftliche Konstrukte handelt, die alles andere als natürlich gegeben sind. 


Literaur

Brandes, U. (2017). Gender Design. Streifzüge zwischen Theorie und Empirie. Berlin, Boston: Birkhäuser Verlag. Verfügbar unter: https://doi.org/10.1515/9783035611090

beDesign [Homepage]. Uta Brandes. Verfügbar unter: https://www.be-design.info/uta-brandes

Riegel, C., Baßer, B. (2014). Meine Forschung ist durch und durch politisch. Christine Riegel und Bianca Baßler im Gespräch mit Carol Hagemann-White. Freiburger Zeitschrift für GeschlechterStudien 20/1.

,

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *